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Profil und Ziele

Das Verhältnis zwischen Philosophie und Religion ist über die Jahrhunderte unterschiedlich gedeutet worden: Während einige Philosophen eine strikte Trennung beider Bereiche behaupten bzw. auf den unüberwindbaren Widerspruch hinweisen, der zwischen beiden Disziplinen besteht, sehen andere Interpreten die Möglichkeit einer harmonischen Zusammenführung der zwei Elemente, nicht zuletzt in Gestalt einer philosophischen Theologie, weil auf diese Weise eine gewisse Einheit von Philosophie und Religion darstellbar wird, weil beide sich aufeinander bezogenen Sinnebenen widmen (philosophia ancilla theologiae) .

 

Diese Deutungsmöglichkeiten sind auch in der Antike virulent, wobei das Verhältnis von Philosophie und Religion sich in dieser Epoche nicht ohne weiteres schematisieren lässt. In der Tat ist dieses Verhältnis in der Antike nicht leicht zu fassen. So lässt sich im Allgemeinen feststellen, dass eine Kritik an traditionellen Göttern oft mit bestimmten kultischen Aspekten einhergeht (vgl. Musenheiligtum in Philosophenschule). Bei Platon (insb. im Timaios und in den Nomoi) finden sich zudem Passagen, die auf eine Integration ‚populärreligiöser‘ Aspekte in eine philosophische Religion oder eine philosophische Theologie schließen lassen. Dagegen führen manche philosophische Schulen der Antike (z.B. Epikureismus) eine stark antireligiöse Polemik durch und verbinden diese gleichzeitig mit dem Versuch, die populärreligiösen Kulte durch eine ‚philosophische Religion‘ zu ersetzen. Insgesamt scheinen die Grenzen zwischen Philosophie und Religion, aber auch Theologie oft fließend zu sein. Nicht nur kann ein wechselseitiger Einfluss dieser Bereiche aufeinander festgestellt werden: Erst die gegenseitige Wahrnehmung und die Reflexion der konstitutiven Merkmale des jeweils anderen Bereichs ermöglichen eine sich immer neu entfaltende Definition der eigenen philosophischen bzw. religiösen Identität. Daher hat das Wechselverhältnis von philosophischer und religiöser Selbstvergewisserung nicht nur historische, sondern auch eminent systematische Bedeutung. Ein  besonderes Beispiel dieser steten gegenseitigen Auseinandersetzung und Anpassung stellt der kaiserzeitliche und spätantike Platonismus mit seinen (mehr oder minder) engen Verbindungen zu religiös geprägten Strömungen (Gnosis, Hermetismus, Chaldäische Orakel) dar. Zugleich setzt sich der spätantike Platonismus eingehend mit dem aufkommenden Christentum auseinander: Diese Auseinandersetzung mündete zum einen in eine heftige gegenseitige Kritik, führte zum anderen aber auch zu einer religiösen Umfunktionierung philosophischer und theologischer Denkmuster und Reflexionen seitens der christlichen Autoren.

 

Die neu zu gründende Arbeitsgruppe will v.a. Nachwuchswissenschaftlern ein Forum bieten, um sich mit dem Verhältnis und wechselseitigen Einfluss von Philosophie, Theologie und Religion in der Antike auseinanderzusetzen und sich damit mit einem Forschungsgebiet zu beschäftigen, das zentral für ein historisch und systematisch angemessenes Verständnis zahlreicher philosophischer Positionen der Antike ist. Das Hauptziel der AG besteht demnach darin, sich denjenigen Texten zu widmen, die das Verhältnis von Religion, Theologie und Philosophie in der Antike – sei es der klassischen Philosophie zu traditionellen griechischen/römischen Kulten, sei es der hellenistischen Philosophie zu ägyptischen Kulten bzw. Judentum,  sei es der kaiserzeitlichen und spätantiken Philosophie zu Gnosis, Hermetismus, Orakelliteratur und Christentum – beleuchten, und diese Texte historisch und systematisch zu interpretieren und zu kommentieren. Obwohl in jüngster Zeit das wissenschaftliche Interesse an dieser Problematik stets gewachsen ist (vgl. z.B. die bei Mohr und Siebeck erscheinende Reihe SAPERE), v.a.  in Hinsicht auf die spätantike philosophische Literatur, stellt diese Arbeitsgruppe insofern ein Novum dar, als eine mit Fokus auf die gesamte Antike und hauptsächlich an den wissenschaftlichen Nachwuchs gerichtete Austauschplattform zumindest im deutschsprachigen Raum noch nicht existiert.

 

Nach einer Gründungstagung, die in Bamberg vom 23.-24. November 2018 stattfinden soll und zu der sowohl arrivierte Wissenschaftler eingeladen als auch Nachwuchswissenschaftler über einen Call for Papers rekrutiert werden sollen, sollen regelmäßige (jährliche) Treffen der AG stattfinden. Anders als bei anderen Arbeitsgemeinschaften sollen jedoch die Workshops nicht die Form von Kolloquien haben, in denen Referenten einen Vortrag halten, auf den eine Diskussion folgt. Vielmehr soll eine kooperative Arbeitsatmosphäre angestrebt werden, indem für jedes Treffen ein für den thematischen Schwerpunkt dieser Arbeitsgemeinschaft zentrales Werk ausgewählt und kommentiert wird. Dabei wird jeder Teilnehmer an einem Workshop eine Sektion des ausgewählten Werkes für die Gruppe historisch  und systematisch einleiten und die Übersetzung, kommentierende Lektüre und anschließende Diskussion moderieren (vgl. z.B. 10. Treffen der AG ‚Praktische Philosophie‘).

 

Leiter der Arbeitsgruppe sind (in alphabetischer Reihenfolge):

 

Dr. Diego De Brasi

Institut für Klassische Sprachen und Literaturen/Fachgebiet Gräzistik

Philipps-Universität Marburg

debrasi@staff.uni-marburg.de

 

PD Dr. Marko J. Fuchs

Institut für Klassische Philologie und Philosophie

Otto-Friedrich-Universität Bamberg  

marko.fuchs@uni-bamberg.de

 

JProf. Dr. Angela Ulacco

Philosophisches Seminar

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  

angela.ulacco@philosophie.uni-freiburg.de

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